Goodbye Loch Lomond - Hello Highlands

Die Nacht war windig, aber ohne große Vorkommnisse. Als ich mich schon früh aus dem Zelt pelle, sehe ich drei oder vier andere Zelte in der Permitarea stehen. Ich bin scheinbar der erste, der wach ist, dementsprechend versuche ich, möglichste wenig Lärm zu machen. Das Wetter ist frisch und bewölkt, die Sonne ist leider verschwunden. Der dritte Tag auf dem West Highland Way führt mich heute entlang des Loch Lomond bis zum Ende des Sees, wo die Highlands beginnen. Die Beinglas Farm, ein Zeltplatz mit kleinem Laden und Restaurant, dient dazu als erster Orientierungspunkt. Je nach Zeit und Lust wird sich dort oder in der Nähe ein Plätzchen für die Nacht gesucht.

Loch Lomond – schöner wandern

Nach einem kurzen Frühstück verpacke ich alles und es kann losgehen. Bei der Recherche im Vorfeld der Wanderung wird dieser Abschnitt des Weges oft als nicht einfach beschrieben, mit einigen auf und ab, teilweise steinig und verbockt. Ich bin als gespannt was mich erwartet. Kurz nach dem Start komme ich in Rowardennan vorbei, wo es eine Lodge und ein Hotel als Übernachtungsmöglichkeit gibt. Viel mehr ist vom Weg auch nicht zu sehen und so ziehe ich weiter. Kurze Zeit später treffe ich auf den Abzweig des Weges, der hoch auf den 974 Meter hohen Ben Lomond führt. Ganz sicher hat man von da oben eine schöne Aussicht über Schottlands größtem See, aber das ist wohl eher etwas, was man im Rahmen eines Tagesausfluges erledigen sollte.

So setze ich meinen Weg fort, der sich wieder nah Loch Lomond entlang windet. Es geht auf und ab, manchmal über mit Steinen gesetzte Treppen, ein andermal ein schmaler Pfad. Es ist ein wenig Aufmerksamkeit gefordert, das man nicht über einen der zahlreichen Steine stolpert, aber wirklich schwierig oder verbockt ist es nicht. Zumal die Umgebung einen für die Schwierigkeit entschädigt. Erneut ist es unerwartet saftig grün und die lila Glockenblumen vom ersten Tag begleiten mich auch hier. Nach ca. 10 Km komme ich in Cailness an, was eigentlich nur ein oder zwei Häuser sind. Doch nach einer kleinen Brücke steht eine kleine Bretterbude mit der Aufschrift „Cherry Tree Cafe„. Ich nutze die Gelegenheit für einen Cappuccino und ein Stück selbstgemachten Kuchen sowie auch etwas Small Talk. Der Kuchen war wirklich lecker, ein Stopp ist durchaus empfehlenswert.

Ein Wasserfall und Rob Roy, der Volksheld

Frisch gestärkt setze ich meine Reise auf dem West Highland Way fort. Es dauert nicht lange, bis ich Inversnaid erreiche. Dieser „Ort“ ist zum einen durch sein Hotel bekannt und zum anderen durch seinen kleinen Wasserfall. Man überquert den Wasserfall erst etwas oberhalb über eine Brücke, von wo man nur das Geräusch von herabstürzenden Wasser hört. Steigt man die seitlichen Treppen hinab, sieht man den vielleicht sieben oder acht Meter hohen Wassersturz. Er ist nett anzuschauen, aber nicht wirklich spektakulär. Im Hotel kann man natürlich auch übernachten als auch einen Cafe trinken, doch nach beidem ist mir nicht. Ich mache noch einige Fotos und gehe dann weiter.

Ich tauche wieder in den Wald ein, der fast den gesamten Weg bisher gesäumt hat. Abermals muss ich mich konzentrieren, da es hier doch ziemlich steinig ist. Es folgt eine Anhöhe, ich nehme die Stöcke in die eine Hand und stütze mich mit der anderen etwas ab. Oben angekommen, erwarten mich einige Sitzgelegenheiten und ein Schild mit der Aufschrift „Rob Roys Cave„. Rob Roy, oder auch Robert MacGregor, war ein schottischer Viehtreiber im 18. Jahrhundert, der mit seiner rebellischen Art gegenüber der Obrigkeit zu einer Art Robin Hood Schottlands wurde. Und hier sollte es eine Höhle geben? Ich war neugierig und folgte dem Schild. Es endete in einer wilden Kraxelei mit Rucksack über große und kleine Absätze, Treppen und Findlingen, nur um am Ende festzustellen, das die Höhle mehr ein Unterstand zwischen drei oder vier aneinanderliegenden Felsen war. Das hatte sich nicht gelohnt und enttäuscht setzte ich meine Wanderung fort.

Zwischenstopp Beinglas Farm – Hallo Highlands

Der West Highland Way behält noch für ca. eine Stunde seinen Charakter bis er etwas aus dem Wald heraustritt und das Gelände offener wird. Es dauert nicht lange und ich sehe 2 Hütten vor einem tollen Panorama stehen, eine davon ist die bekannte Bothy Doune Byre. Knapp 10 x 6 Meter groß dient sie ca. zehn Leuten als Schlafgelegenheit. Ein Blick in die Behausung offenbart eine Schlafplattform, einige Stühle als Sitzgelegenheit und einen Kamin. Um ehrlich zu sein, sah es von außen deutlich freundlicher aus, als es dann wirklich war. Ich bin erleichtert, dass ich heute darauf nicht angewiesen bin. So ernüchternd die Hütte auch war, die Szenerie rundherum entschädigt dafür umso mehr. Das Ende des Sees kann man von hier aus schon sehen und im Hintergrund ragen die ersten Berge der Highlands in die Höhe. Ich freue mich darauf, den See als bezwungen abzuhaken und in ein etwas anderes Terrain einzutauchen.

Auf einer folgenden Anhöhe hat man rückwärtsgewandt noch einmal eine herrliche Aussicht auf den Loch Lomond, der mir die letzten zwei Tage den Weg wies. Ich erreiche die Beinglas Farm, mein gedachtes Ziel für heute. Im Miniladen kaufe ich einige Dinge ein und wende mich dem Restaurant zu. Neben einem kleinen Snack schau ich mir auf der Karte im Handy die weitere Umgebung an. Der Weg führt nun ein kleines Tal hinein, dem River Falloch und der Schnellstraße A82 folgend. Ca. 25 km liegen hinter mir und auch die Zeit lässt noch etwas Wegstrecke zu. Somit beschließe ich, heute noch etwas weiterzugehen, auch wenn sich der Himmel leider etwas zu zieht und einige wenige Tropfen fallen.

Schottlands Wetter wie man es kennt

Leider hadere ich schon bald mit dieser Entscheidung. Der West Highland Way verläuft nun fast ausschließlich auf Weideflächen. Das bedeutet, das der Weg sich durch das Tal mäandert und Grasflächen überquert, die oft durch Zäune mit Toren begrenzt werden. Schafe rennen, teils farbig im Nacken markiert, vor mir weg und blöken mich an, als wollten sie mich vom Hof jagen. Der Weg ist jetzt auf einmal matschig, der Wind hat stark aufgefrischt und auch nach drei oder vier Kilometern sieht es nicht nach einem geeigneten Zeltplatz aus. Es geht nun unter der Straße durch einen der viel beschriebenen Schafstunnel hindurch. Für Schafe ist das kein Problem, aber mit einem Rucksack auf den Rücken muss ich leider ordentlich in die Hocke. Kurz darauf will ich nicht mehr suchen, ein Fels auf einer etwas exponierten Wiese verspricht minimalen Schutz. Keine Lust mehr und auch keinen Blick für die Umgebung soll dies mein heutiger Platz zum Zelten sein.

Doch noch nicht genug. Die freie Lage und der Wind machen das Zelt aufbauen zu einer weiteren Herausforderung, zwei oder vier weitere Hände wären gerade nicht schlecht. Nach einigen Kampf, zig mal Versetzen der Heringe, verschieben der Unterlage und gefühlten zehn Runden ums Zelt, bin ich halbwegs zufrieden. Meine kleine Behausung zappelt ganz schön im Wind und doch hält sie sich tapfer. Ich beeile mich und verschwinde schnellstmöglich mit einem etwas mulmigen Gefühl darin. Das Essen fällt mit einem selbstgebastelten Sandwich etwas spartanisch aus, an viel mehr ist heute nicht zu denken. Das letzte Stück der heutigen 31 km waren fordernder als erwartet und ich bin froh, als ich im Schlafsack liegend meine Schlafposition gefunden habe. Ich brauche nicht all zu lange um einzuschlafen, trotz der Geräuschkulisse, die der Wind und das flatternde Zelt erzeugen. In der Nacht kommt noch Regen dazu, aber alles bleibt soweit trocken.

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